Eine Person im weißen Kittel arbeitet im Labor und dreht der Kamera den Rücken zu.

BMBF fördert Forschungsnetzwerk zu ME/CFS

BMBF fördert erstmals Forschungsnetzwerk zu ME/CFS

8 Teams von Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen erforschen an 5 Standorten ME/CFS

Zum ersten Mal gibt es in Deutschland öffentliche Förderung für multizentrische biomedizinische Grundlagenforschung zu ME/CFS. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert den Aufbau eines Forschungsnetzwerks zu ME/CFS. Acht Teams aus der Immunologie, Virologie, Pädiatrie, Rheumatologie, Infektiologie, Neurologie und Bioinformatik werden an fünf Unikliniken die Pathomechanismen von ME/CFS erforschen.

Der Name des Forschungsnetzwerks lautet:

IMMME – Immune Mechanisms of ME – Elucidating the immune pathomechanisms of post-infectious ME/CFS

(Auf Deutsch: IMMME – Immunmechanismen der ME – Aufklärung der immunologischen Pathomechanismen postinfektiöser ME/CFS)

Diese Teams gehören zum Forschungsnetzwerk:

  • Prof. Dr. Scheibenbogen und Dr. Sotzny (Institut für Med. Immunologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin) – Leitung des Netzwerks
  • Prof. Dr. Behrends (Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München) und PD Dr. Mautner (Institut für Virologie, Helmholtz Zentrum München)
  • Prof. Dr. Riemekasten und Prof. Dr. Lange (Rheumatologie/Immunologie, Universitätskrankenhaus Schleswig-Holstein Lübeck)
  • Dr. Aschenbrenner und Prof. Dr. Schultze (Abteilung Genomik und Immunregulation, Universität Bonn und Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen)
  • Dr. Prusty (Biochemie und Virologie, Julius-Maximilians-Universität Würzburg)
  • Prof. Dr. Paul (Neurologie/Neuroimmunologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin)
  • Prof. Dr. Konietschke (Bioinformatik und Epidemiologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin)
  • Prof. Dr. Sander (Infektiologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin)

Die fünf Forschungsstandorte sind:

  • Charité – Universitätsmedizin Berlin
  • Universität Bonn und Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen Bonn
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Technische Universität München und und Helmholtz Zentrum München
  • Universitätskrankenhaus Schleswig-Holstein Lübeck

Schwerpunkte der Forschungsprojekte

Fokus der Forschung sind autoimmune und immunologische Prozesse bei ME/CFS. Hierzu werden in dem Projekt von Prof. Scheibenbogen und Prof. Behrends Antikörper gegen das Epstein-Barr-Virus und andere Viren und ihre Rolle bei der Entstehung von veränderten Autoantikörpern gegen G-Protein-gekoppelte-Rezeptoren (GPCR) erforscht, die das autonome Nervensystem stören können. Die Rheumatologie und Immunologie des Universitätsklinikums Lübeck wird funktionelle und molekulare Analysen von GPCR-Autoantikörpern durchführen. Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn wird zusammen mit Prof. Leif Sanders Team an der Charité Immunzellen auf veränderte Signalwege und mögliche Biomarker untersuchen. Das Team um Dr. Prusty von der Universität Würzburg wird den Einfluss von Autoantikörpern auf Mitochondrien und den veränderten Energiestoffwechsel bei ME/CFS untersuchten. Das ME/CFS-Register und die Biobanken der Technischen Universität München und der Charité stellen Blutproben, die von ME/CFS-Patienten gespendet wurden, allen Projekten zur Verfügung. Die Ergebnisse der Projekte sollen miteinander und mit den detaillierten Krankheitsdaten der Patienten bioinformatisch analysiert werden. Die Daten sollen auch mit denen von Kontrollgruppen (MS und andere Autoimmunkrankheiten) verglichen werden.

Das Fördervolumen beträgt zunächst 2,1 Millionen Euro. Das Projekt ist nach drei Jahren mit einem Folgeantrag erweiterbar.

Hintergrund

Die Förderung geht auch auf den Einsatz der Patientenorganisationen zurück. Im Juni 2020 forderte die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS mit den weiteren Patientenorganisationen Fatigatio, Lost Voices Stiftung und #MillionsMissing Deutschland in einem Offenen Brief einen Runden Tisch mit dem Bundesministerium für Gesundheit und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Zu den Forderungen gehörte, die EU-Resolution P9_TA(2020)0140 umzusetzen und „entschlossen die notwendigen Schritte für angemessene biomedizinische Forschungsförderung, Anerkennung und Aufklärung zu unternehmen.“ Im Folgenden kam es im Dezember 2020 zum Runden Tisch der vier Patientenorganisationen mit den Ministerien.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung erweiterte daraufhin mit Blick auf ME/CFS die „Richtlinie zur Förderung interdisziplinärer Verbünde zur Erforschung von Pathomechanismen” um ein Modul 2 „Unbekannte Pathomechanismen einzelner Erkrankungen mit hoher Krankheitslast”.

Mit dem Modul 2 gab es erstmals eine öffentliche Ausschreibung, die auf ME/CFS passte, sodass sich mehrere ME/CFS-Forschende als Netzwerk im Januar 2021 darauf bewerben konnten. Der Antrag wurde im Frühjahr 2022 bewilligt. Die ME/CFS-Patientenorganisationen haben den Bewerbungsprozess kontinuierlich begleitet.

Es ist ein wichtiger Fortschritt für die Erforschung und Anerkennung der Erkrankung ME/CFS, dass sich ein biomedizinisches Forschungsnetzwerk an mehreren deutschen Unikliniken und Forschungszentren gebildet hat. Der Förderbetrag und die Zahl der Standorte und Projekte können zwar nur ein Anfang sein – zumal jahrzehntelanger Aufholbedarf besteht –, doch wird erstmals biomedizinische Grundlagenforschung zu ME/CFS vom Bundesministerium für Bildung und Forschung multizentrisch gefördert. Die Gründung des Netzwerks wird nicht nur zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, sondern darüber hinaus auch zur Anerkennung beitragen und weitergehendes wissenschaftliches Interesse anstoßen.

Redaktion: jhe, dha