Deutsche Übersetzung: Q&A mit Ron Davis

Dr. Ron Davis vom Stanford Genome Technology Center hat kürzlich ein Question and Answer (Frage und Antwort) auf Youtube zu seiner Forschung veröffentlicht. Wir haben ein deutsche Übersetzung des Interviews erstellt. Davis' Team aus Kalifornien führt ca. seit einem Jahr eine Big-Data-Studie mit schwerkranken ME/CFS-Patienten durch. Das Team ist auf der Suche nach nutzbaren Biomarkern und wirksamen Medikamenten für ME/CFS-Patienten. Unterstützt und finanziert wird diese Arbeit von der Open Medicine Foundation (die DG berichtete in ihrem letzten Artikel). Ron Davis Team und die OMF benötigen jährlich ca. 5 Million $, um ihre wichtige Forschung betreiben zu können. Wenn Sie die Arbeit unterstützen wollen, können Sie hier spenden:

Donate to the End ME/CFS Project

 

Deutsches Transkript

(die Übersetzung ist nicht immer wortgenau, gibt aber die Antworten und den Sinnzusammenhang korrekt wieder):

Q: Sie sagten im Video bezüglich des rot-blauen Stoffwechsel-Diagramms, dass ME/CFS sich nicht wie eine konventionelle Krankheit der Mitochondrien darstellt, sondern eher als ein Problem mit der Versorgung. Ist das richtig? Könnte man sich die Mitochondrien wie eine Fabrik vorstellen, welche bei Mitochondriopathien nicht mehr funktioniert, weshalb sich der nicht benötigte Treibstoff davor anhäuft, wohingegen bei ME/CFS die Fabriken intakt sind, aber keinen Treibstoff geliefert bekommen?  

A: Das ist ein sehr treffender Vergleich. Die Arbeit von Dr. Naviaux und anderen zeigt, dass es sich hier um eine hypometabolische Krankheit handelt, da viele Werte zu niedrig sind. Manche dieser Werte sind die Rohmaterialien, die in den Mitochondrien zur Energiegewinnung benötigt werden. Wir glauben, dass dies das zugrundeliegende Problem bei ME/CFS ist.  

Q: Könnte das Problem sein, dass ME/CFS-Patienten an einem Mangel leiden, also dass etwas im Blut fehlt, das eigentlich vorhanden sein sollte?  

A: Wir messen im Serum von ME/CFS-Patienten etwas, das eine Änderung des elektrischen Widerstands bewirkt. Wir wissen nicht genau, was dieses Phänomen verursacht. Es könnte sich dabei um einen Faktor im Serum handeln oder, genau wie Sie sagen, um einen Mangel an etwas. Wir halten es für wahrscheinlich, dass es sich dabei um ein oder mehrere Stoffwechselprodukte handelt, weil es vermutlich eine hypometabole Krankheit ist. Wir haben in einem Experiment das Serum von Patienten gefiltert, um herauszufinden, ob wir dieses Signal herausfiltern können. Und das war weitgehend der Fall. Das heißt, dass es sich um etwas Größeres handeln muss, vermutlich ein Protein. Handelte es sich um ein Stoffwechselprodukt, dann wäre das Signal im Filtrat immer noch vorhanden gewesen.  

Q: Ist dieses gefundene Signal spezifisch für ME/CFS oder findet man es auch bei anderen Formen von Fatigue?  

A: Wir haben noch nicht genug Tests durchgeführt, um das klären zu können. Wir werden uns andere Fatigue-Zustände anschauen, u. a. auch durch Sport verursachte, und sehen, ob diese ähnliche Signale aufweisen. Selbst wenn sich diese Signatur auch bei anderen Fatigue-Zuständen findet, kann sie für uns von Nutzen sein. Dann müssten wir einen Weg finden, diese Zustände zu differenzieren. Zum Beispiel indem wir verschiedene chemische Reagenzien testen. Wir wissen, dass Pyruvat das Signal im Serum von ME/CFS-Patienten zum verschwinden bringt. Dann könnten wir testen, ob es dies auch bei anderen Fatigue-Zuständen tut. Das gibt uns also einige Möglichkeiten, einen spezifischen Test für ME/CFS zu entwickeln.  

Q: Ich bin seit fast 40 Jahren an ME/CFS erkrankt und 73 Jahre alt. Werden Sie auch uns "Oldies" noch helfen können? 

A: Es tut mir sehr leid das zu hören. Ich gehe davon aus, dass es sich um ein grundlegendes Problem handelt, und wenn es uns gelingt, eine "Reset"-Möglichkeit zu finden, dann sollte es eigentlich keine Rolle spielen, wie alt der Patient ist oder wie lange er schon erkrankt ist. Möglicherweise verändert sich die Krankheit im Laufe der Zeit, und wir müssen besonderen Wert darauf legen, Patienten mit unterschiedlicher Krankheitsdauer miteinzubeziehen.  

Q: Können Sie irgendetwas zur Beteiligung des Enzyms mTOR am Krankheitsprozess sagen? 

A: Das ist eine sehr interessante Frage. Wir haben bisher nicht sehr viele Patienten untersucht, aber unter diesen befanden sich zwei, die eine mTOR-Mutation aufweisen. Es handelt sich dabei um eine sehr seltene Mutation. Das ist also eine recht ungewöhnliche Entdeckung und könnte bedeuten, dass diese Mutation bei der Entstehung der Krankheit eine wichtige Rolle spielt. Das ist vor allem auch deswegen eine wichtige Erkenntnis, weil es eine Reihe von Medikamenten gibt, die das mTOR-Enzym blockieren. Diese könnten die Entstehung von ME/CFS begünstigen oder eine bereits bestehende Krankheit verschlimmern. Zu diesen Medikamenten zählen z. B. einige Antibiotika. Deshalb betone ich immer wieder, dass Antibiotika nur eingesetzt werden sollen, wenn nachweislich eine Infektion vorliegt. 

Q: Wie wirksam könnte Pyruvat zur oralen oder intravenösen Behandlung sein? Welche Dosis würde benötigt? Gibt es Gründe, warum der Einsatz von Pyruvat nicht praktikabel sein könnte?  

A: Im Video habe ich gesagt, dass wir in unseren Tests durch den Einsatz von Pyruvat eine Normalisierung der Zellen erreichen konnten. Was wir nicht wissen: Wird durch das Pyruvat eine Blockierung umgangen, oder hemmt das Pyruvat direkt den blockierenden Faktor? Pyruvat ist nicht gut löslich, wird also oral nicht gut aufgenommen und man kann nicht viel davon einnehmen. Wenn man es zu hoch dosiert, kann es in den unteren Darmabschnitten das Bakterienwachstum fördern und so Symptome hervorrufen. Wenn man es intravenös verabreicht, muss man ebenso vorsichtig mit der Dosis sein. Pyruvat wird zu Laktat umgewandelt, was weitere Probleme verursacht. Im Moment erscheint dies also nicht als praktikable Vorgehensweise. Wir werden das eventuell anhand von  Modellierungssystemen weiter prüfen. Ich gehe jedoch davon aus, dass wir noch etwas Geeigneteres als Pyruvat finden werden.  

Q: Ist es wahrscheinlich, dass ein schon bestehendes Medikament ME/CFS heilen könnte? Können Sie anhand Ihres Biosensors auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Medikamentencocktails testen? Worin besteht der Unterschied zwischen einem Cocktail zur Auffüllung der Ressourcen und der Beseitigung der Ursache, wie von Dr. Naviaux angesprochen?  

A: Dr. Naviaux' These lautet, dass es sich um eine "Cell-Danger-Response" handeln könnte, also um einen Stoffwechselzustand, der den Organismus schützen soll. Er glaubt, dass wir eine Möglichkeit finden müssen, diesen Zustand wieder abzuschalten. Ich halte das für sehr wahrscheinlich und keines unserer bisherigen Ergebnisse widerspricht dieser These. Nach solch einem Medikament oder einer Medikamentenkombination suchen wir. Das können wir dann leicht mithilfe unserer Tests überprüfen. Ich bin optimistisch, dass wir etwas finden werden. Ich glaube aber nicht, dass ein Cocktail aus verschiedenen Nährstoffen helfen wird. Das haben schon sehr viele Patienten ohne durchschlagenden Erfolg versucht. Ich gehe davon aus, dass es eines Medikaments bedarf, möglicherweise ein für uns sehr überraschendes Medikament.  

Q: Wenn dieser Mechanismus eine Schutzfunktion für den Körper darstellt, könnte es dann negative Konsequenzen haben, ihn auszuschalten? 

A: Das glaube ich nicht. Das wäre doch der natürliche Verlauf, dass er ausgeschaltet wird, wenn er nicht mehr benötigt wird. Aber irgend etwas verhindert, dass das passiert. In unserer Gesellschaft werden wir darauf konditioniert, uns "durchzuboxen" und immer weiter zu machen, wenn wir erschöpft sind. Ich sehe das auch oft bei Sportlern. Möglicherweise trägt diese Mentalität dazu bei, dass dieser Schutzmechanismus nicht mehr abgeschaltet wird. Wir kennen das ja, dass man nach einem viralen Infekt eine Weile sehr krank sein kann und sich dann erholt. So funktioniert das normalerweise. Sie ruhen sich aus und erholen sich. Aber wenn man zu früh wieder aktiv wird, könnte man immer wieder "crashen" und in diesem Zyklus jahrelang steckenbleiben.  

Q: Wie lange wird es noch dauern, bis sie mit ihrem Testverfahren Medikamente und Verbindungen testen können? Und wie lange dauert es, bis alle momentan existierenden Medikamente getestet wurden? Gibt es aus ihrer Sicht Medikamente oder Klassen von Medikamenten, die besonders vielversprechend sind und die sie vorrangig untersuchen? Ich möchte Sie nicht fragen, welche das genau sind, sondern nur, ob es welche gibt. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass sie mit ihrem Testverfahren ein Medikament ermitteln können, das sicher und effektiv für ME/CFS-Patienten ist? 

A: Wir haben alle von der FDA zugelassenen Medikamente an Hefen getestet. Wir haben ein Medikament, das alle 6.000 Gene des Hefenorganismus regulieren kann. Wenn man im Besitz eines in-vitro Tests ist, kann das sehr schnell gehen. Die meisten Medikamente haben außer der gewünschten Wirkung eine Reihe weiterer Interaktionen im menschlichen Körper. Dies tritt besonders bei höheren Dosierungen zutage. Rituximab zum Beispiel ist ein Antikörper, der B-Zellen zerstört, er interagiert aber auch auf andere Weise. Wir testen also auch Medikamente in höheren Dosierungen als üblich. Das birgt natürlich ein höheres Risiko von Nebenwirkungen. Aber Dr. Naviaux gibt zu bedenken, dass wir nur einen Trigger brauchen, der den Organismus wieder in einen normalen Zustand versetzt. Dann müsste man das Medikament nicht jahrelang einnehmen, es könnte schon eine einzige Dosis ausreichen. 

Q: Wie sind Ihre Ergebnisse mit denen von Dr. Naviaux bezüglich der Cell-Danger-Response vereinbar?  

A: Wir untersuchen ganz unterschiedliche Dinge. Während er sich auf das Metabolom konzentriert und eine einzigartige Signatur entdeckt hat, versuchen wir die kausalen Mechanismen der Krankheit aufzudecken. Unsere Ergebnisse stützen aber die Thesen und Resultate von Dr. Naviaux.  

Q: Wie viel Geld benötigen Sie, um Ihre Forschung schnellstmöglich voranzubringen? 

A: Basierend auf meiner Erfahrung in der Genforschung würde ich sagen, ungefähr 5 Millionen Dollar pro Jahr. Und wir brauchen eine verbindliche Zusicherung, dass wir diese Mittel jedes Jahr für die nächsten Jahre erhalten werden. Forscher wollen natürlich auch die Sicherheit, dass sie im nächsten Jahr noch einen Job haben! Nur so können wir gute Leute für uns gewinnen. Wir könnten wahrscheinlich sogar mehr als 5 Millionen Dollar pro Jahr gebrauchen, aber das wäre die Grundanforderung. Es handelt sich um eine komplexe, systemische Erkrankung und wir brauchen Experten auf verschiedensten Gebieten. Wir arbeiten bereits mit anderen Laboratorien zusammen, was die Kosten senkt, aber es ist natürlich von Vorteil, wenn die Fachleute auch im Alltag zusammenarbeiten können.  Vielen Dank.  

Transkript: SNE