
Fachgespräch zur Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen
Sachverständige zum Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung geladen
Im November 2025 billigte der Haushaltsausschuss des Bundestages langfristige Mittel in Höhe von insgesamt 500 Millionen Euro für die Erforschung von postinfektiösen Erkrankungen. Mit der parallel durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie, Raumfahrt (BMFTR) angekündigten Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen soll die Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von Erkrankungen wie der Myalgischen Enzephalomyelitis / dem Chronischen Fatigue Syndrom (ME/CFS) und dem Post-COVID-Syndrom stark vorangetrieben werden, indem die zugrundeliegenden Ursachen besser erforscht und pharmakologisch adressiert werden.
Um Schwerpunkte für die nationale Dekade gemeinsam mit Expert*innen zu erarbeiten, hat der Forschungsausschuss des Bundestages am 17. Dezember 2025 ein Fachgespräch veranstaltet. Als Sachverständige geladen waren Prof. Carmen Scheibenbogen (Charité Universitätsmedizin Berlin), PD Bettina Hohberger (Universitätsklinikum Erlangen), Prof. Joachim Schultze (Universität Bonn, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen), Prof. Jürgen Steinacker (Universität Ulm), Jörg Heydecke (ME/CFS Research Foundation) und Sebastian Musch (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS, leider verhindert).
Sachverständige und Abgeordnete diskutierten unter anderem die Forschungsprioritäten und konkrete Umsetzungsmaßnahmen für die nationale Dekade, die große Herausforderung der heterogenen Patient*innengruppe bei postinfektiösen Erkrankungen, die Rolle der Pharmaindustrie, sowie die Einbindung von Betroffenen.
Vertieft wurde der aktuelle Kenntnisstand zu den ursächlichen Mechanismen der Erkrankung, die in den Bereichen der Autoimmunität, chronischer Entzündung, des Energiestoffwechsels und der Mitochondrienfunktion, der Gefäßfunktion und der Steuerung des autonomen Nervensystems lägen. Betont wurde dabei, dass postinfektiöse Erkrankungen wie ME/CFS und das Post-COVID-Syndrom somatisch bedingt seien und entsprechend dringend biomedizinische Forschung in Form von Grundlagen-, Biomarker- und Diagnostikforschung vorangetrieben werden müsse. Psychosomatische Hypothesen zur Krankheitsentstehung und entsprechende Therapiekonzepte aus der Vergangenheit hätten sich als unzutreffend erwiesen und sollten daher bei der Förderung nicht berücksichtigt werden.
Durch die Stellungnahmen der Sachverständigen wurde deutlich, dass parallel zur Grundlagenforschung vielversprechende Medikamente bereits jetzt in klinischen Studien getestet werden sollten. Ergebnisse dieser Studien würden auch Hinweise auf mögliche ursächliche Krankheitsmechanismen liefern, die daraufhin tiefer erforscht werden können. Wichtig für eine erfolgreiche Überführung in die Praxis sei zudem die Förderung von biomedizinischen Start-Ups und das Engagement von Pharmaunternehmen. Prof. Carmen Scheibenbogen verkündete in diesem Zusammenhang eine anlaufende Kooperation mit Sanofi.
Einstimmigkeit bestand darin, dass Betroffenenorganisationen eng in die Entwicklung der nationalen Dekade einbezogen werden müssen. Dies war nicht nur Konsens bei den Sachverständigen, sondern wurde auch vom Ausschussvorsitzenden Prof. Karl Lauterbach bestätigt. Jörg Heydecke forderte die Einbeziehung von Betroffenenvertretungen in allen Phasen der Dekade – von einem Sitz in Steuerungsgremien über die inhaltliche Ausgestaltung von Förderrichtlinien bis zur Antragsbewertung und als Kooperationspartner*innen bei Projekten.
Die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS hatte bereits vorab eine schriftliche Stellungnahme eingereicht: Grundlegend für den Erfolg der Dekade sind zielgerichtete Fördermittel und eine nachhaltige Forschungsstrategie. Dabei ist es unabdingbar, i) auf die jahrzehntelangen Erkenntnisse und Erfahrungen zu ME/CFS vor der Pandemie aufzubauen, ii) die Mittel für die biomedizinische Forschung zu verwenden und iii) die Expertise der Betroffenenorganisationen einzubeziehen.
Die vollständige Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS zum Fachgespräch und die Aufzeichnung der öffentlichen Veranstaltung finden Sie hier:
Redaktion: mwi


