Forschungsprogramm Auswahl 2025

Förderung für sechs neue ME/CFS-Studien


Forschungsprogramm der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS

Auch im Jahr 2026 fördert die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS wieder kleinere, aussichtsreiche Studien zur Erweiterung des Wissenstands zu ME/CFS. Es freut es uns sehr, dass dieses Jahr dank großzügiger Spenden ganze sechs Projekte mit einem Volumen von knapp 150.000 Euro gefördert werden können.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Analyse von krankheitsbedingt veränderten Prozessen im Gehirn und der Detektion entsprechender Biomarker für die Forschung und Überführung in die Praxis. Zur Entwicklung evidenzbasierter Empfehlungen werden zudem Projekte zum Thema Operation und Anästhesie und zur belastungsgerechten Einbindung von Patient*innen in Forschungsprojekte unterstützt. Die Ergebnisse dieser Studien können als Grundlage für weiterführende Forschungsarbeiten, z. B. im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen, dienen. Alle Projekte werden von Patient*innenvertretungen unterstützt.

Das steigende Interesse von Forschenden am Thema ME/CFS wurde dieses Jahr besonders deutlich: So konnte für diese Ausschreibungsrunde eine Verdopplung der eingegangenen Anträge verzeichnet werden. Erfreulich ist auch die zunehmende Anzahl von Forschungsvorhaben sehr hoher Qualität.

Weiteres zum Forschungsprogramm finden Sie hier. Im Folgenden finden Sie eine Kurzübersicht der geförderten Projekte.

Während konventionelle Bildgebungen mittels Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) bei ME/CFS und anderen postakuten Infektionssyndromen (PAIS) häufig unauffällig sind, weisen neuere Studien mittels 1H-Magnet-Resonanz-Spektroskopie (MRS) auf subtile, aber detektierbare Veränderungen von Botenstoffen im Gehirn hin. Im Gegensatz zum MRT, welches strukturelle Veränderungen im Körper mit Bildern sichtbar machen kann, werden beim MRS Signale spezifischer Moleküle detektiert, sodass Rückschlüsse auf biochemische Prozesse gezogen werden können. Für die Messungen werden die selben Geräte genutzt – nur mit unterschiedlichen Untersuchungsprotokollen. Bei ME/CFS- und Long-COVID-Patient*innen konnten Änderungen bestimmter Metabolite wie Myo-Inositol, Cholin, Glutamat oder N-Acetylaspartat im Hirn mittels besonders sensibler 7-Tesla-MRT-Geräte bereits nachgewiesen werden. Diese deuten z. B. auf Entzündungsprozesse, gestörte Signalweiterleitung und neuronalen Stress hin. In diesem Projekt soll gezeigt werden, dass auch mittels der schwächeren, aber breiter verfügbaren 3-Tesla-MRT-Geräte eine verlässliche Änderung der relevanten Biomarker gemessen und mit klinischen Parametern korreliert werden kann. 15 Proband*innen und 15 Kontrollen werden dazu einer MRS-Messung unterzogen. Zusätzlich wird die Durchführbarkeit des Verfahrens – auch im Kontext der ME/CFS-Erkrankung – untersucht. Perspektivisch soll ein praxisnahes, standardisiertes Untersuchungsprotokoll für die MRS-Diagnostik von ME/CFS und postinfektiösen Erkrankungen entwickelt werden.

Titel: Magnetresonanzspektroskopie bei ME/CFS: Entwicklung klinisch nutzbarer Biomarker für Diagnostik und Verlaufskontrolle
Projektleitung: Dr. Judith Bellmann-Strobl, Experimental and Clinical Research Center (ECRC), Charité – Universitätsmedizin Berlin und Max Delbrück Center
Laufzeit: 12 Monate

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen neurologischen und immunologischen Auffälligkeiten bei ME/CFS? Die Teams um den MRT-Spezialisten Carsten Finke (Charité Berlin) und die Immunologin Birgit Sawitzki (Berlin Institute of Health) bündeln ihre Kräfte, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Ziel des Projekts ist es, große Mengen an MRT-Daten zu Volumetrie und Konnektom, Immunmarkern aus CyTOF- und scRNAseq-Messungen und funktionellen Daten, z. B. zur Handkraft oder Kognition, mittels neuartiger Verfahren der künstlichen Intelligenz zu korrelieren und zu analysieren. Herangezogen werden dafür Daten, die im Rahmen der Nationalen Klinischen Studiengruppe (NKSG) von 270 ME/CFS-Patient*innen und 150 gesunden Kontrollen erhoben wurden. Die Forschenden erhoffen sich, durch die gemeinsame Betrachtung der verschiedenen Datentypen neuroimmunologische Signaturen systematisch zu charakterisieren und ihre Relevanz für klinische Subgruppen zu bestimmen. Damit soll die methodische Grundlage für eine datenbasierte Stratifizierung und die Entwicklung validierter Biomarker mit diagnostischem und prognostischem Potenzial geschaffen werden.

Titel: MULTIMODAL – Multimodale neuroimmunologische Biomarker und Subtypisierung bei ME/CFS: Integration von struktureller und funktioneller Magnetresonanztomographie, Immunprofilen und leistungsbasierten Funktionsmaßen
Projektleitung: Prof. Dr. Carsten Finke, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Laufzeit: 6 Monate

Störungen des zentralen Nervensystems bei ME/CFS sind weiterhin kaum verstanden. Ziel dieses Projekts ist es herauszufinden, inwieweit der Locus coeruleus (LC) im Hirnstamm in die Dysfunktion bei ME/CFS involviert ist. Der LC steuert über Noradrenalin-vermittelte Aktivierung des Gehirns die Reaktionsbereitschaft auf Umweltreize und moduliert auf diese Weise Wachheit, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Stressreaktivität und Kreislauf-Funktionen. Er trägt zur Integrität der Blut-Hirn-Schranke bei und ist aufgrund seines hohen Energiebedarfs anfällig für Störungen des Zellstoffwechsels. Aufgrund seiner Lage im Hirnstamm ist der LC schlecht zu untersuchen. Seine Funktion kann allerdings über Änderungen des Pupillendurchmessers gemessen werden. Dies will das Forschungsteam ausnutzen und Daten pupillometrischer Untersuchungen von 25 erwachsenen ME/CFS-Patient*innen und 25 gesunden Kontrollen erheben und miteinander vergleichen. Parallel werden die Messungen im Rahmen eines anderen Projekts an einer gleichgroßen Kohorte von Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Durch eine enge Anbindung an die BMFTR-finanzierte SLEEP-NEURO-PATH Studie können die Ergebnisse der Pupillometrie mit einer umfassenden Charakterisierung der Hirnfunktion, des Gehirnstoffwechsels, der Hirndurchblutung, Schlafarchitektur (PSG) und klinischen Symptomatik der Proband*innen verknüpft werden. Die Pupillometrie könnte in Zukunft als neurophysiologischer Biomarker zur Erfassung der zentralnervösen Dysfunktion genutzt werden, z. B. im Rahmen von Medikamentenstudien. Zudem erhoffen sich die Forschenden Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen verschiedenen neuronalen Netzwerken beim Krankheitsbild ME/CFS.

Titel: Pupillometrische Untersuchung noradrenerger Arousalmodulation bei ME/CFS – Etablierung neurophysiologischer Biomarker für individualisierte Therapieansätze
Projektleitung: Dr. Claudia Schilling, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
Laufzeit: 18 Monate

Verschiedene Studien zeigten bereits, dass die Durchblutung des Gehirns bei ME/CFS-Patient*innen vermindert ist. Im Rahmen der Nationalen Klinischen Studiengruppe (NKSG) wurden Arterial Spin Labeling (ASL)-MRT Messungen durchgeführt, eine nichtinvasive Methode zur quantitativen Erfassung der zerebralen Perfusion, bei der magnetisch markierte Wassermoleküle im arteriellen Blut als endogener Tracer genutzt werden. Da ASL-MRT ohne Kontrastmittel auskommt, eine kurze Messzeit aufweist und auf klinischen Standard-MRT-Geräten verfügbar ist, könnte die Methode perspektivisch in die Routineversorgung integriert werden. Ziel dieser Studie ist die Identifikation objektiver bildgebender Marker einer zerebralen Minderdurchblutung bei ME/CFS. Hierzu werden bereits erhobene ASL-MRT-Daten aus zwei Kohorten der NKSG (HBOT & IAPACS) analysiert und mit der endothelialen Dysfunktion und klinischen Symptomen korreliert. Mit Daten von insgesamt 125 ME/CFS-Patient*innen und 62 Kontrollen nutzt das Projekt einen der bisher größten und methodisch einheitlich erhobenen ASL-Datensätze zu ME/CFS und bietet daher die Chance, robuste Evidenz für zerebrale Perfusionsveränderungen zu liefern und potenzielle ME/CFS-Subgruppen sowie ihre zugrundeliegenden pathophysiologischen Mechanismen besser zu charakterisieren.

Titel: Arterial Spin Labeling (ASL)-MRT zur Analyse der zerebralen Durchblutung bei ME/CFS
Projektleitung: Prof. Dr. Carsten Finke, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Laufzeit: 6 Monate

Für ME/CFS-Patient*innen ist eine Operation oft mit großen Hürden verbunden. Operationen in Narkose oder anderen Anästhesieverfahren stellen einen erheblichen Eingriff in die Körperfunktionen dar. Sie sind mit Stress, Entzündungsreaktionen und physiologischen Anpassungsprozessen verbunden. Zudem können sich verschiedene Faktoren eines Klinikaufenthalts negativ auf den Gesundheitszustand auswirken. Auch ME/CFS-Patient*innen benötigen Interventionen oder Operationen. Bisher gibt es keine systematischen Untersuchungen zu den Auswirkungen von Operationen und Anästhesieverfahren auf ME/CFS-erkrankte Patient*innen. Dieses Projekt untersucht den Einfluss des peri-operativen Settings und anästhesiologischer Verfahren bei ME/CFS. Ziel ist die Identifikation von Faktoren, die im Rahmen der Anästhesie oder des Krankenhausaufenthalts maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis der Operation bei ME/CFS-Patient*innen haben. In der nicht-interventionellen Beobachtungsstudie werden retrospektiv und prospektiv Fragebogenuntersuchungen durchgeführt, peri-operative Routinedaten erhoben und mit denen gesunder Kontrollen verglichen. Bestenfalls können präventive Maßnahmen identifiziert und im Anschluss Empfehlungen zum peri-operativen und anästhesiologischen Management bei Patient*innen mit ME/CFS erarbeitet werden.

Titel: Peri-operatives und anästhesiologisches Management bei Patient:innen mit ME/CFS: Herausforderungen und klinische Implikationen (ME-ANE-PROTECT)
Projektleitung: Dr. Alexander Dejaco, Universitätsklinikum Regensburg
Laufzeit: 15 Monate

Qualitative Interviews liefern Einblicke in die Lebensrealität, Bewältigungsstrategien und Barrieren von ME/CFS-Betroffenen. Sie erfassen Aspekte, die in quantitativen Studien unsichtbar bleiben, und tragen damit wesentlich dazu bei, Forschung und Versorgung stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen auszurichten. In der bisherigen Forschungspraxis werden Risiken durch eingeschränkte Energiereserven und sensorische Belastung zwar zunehmend, aber bislang nicht systematisch anhand von Erfahrungswerten berücksichtigt. Ziel der Studie ist daher die Entwicklung eines evidenzbasierten, praxisnahen Leitfadens zur belastungsbewussten Gestaltung qualitativer Forschung. Durch die direkte Befragung von 30 Betroffenen soll ermittelt werden, welche Interviewbedingungen, Kommunikationsformen und Rahmenfaktoren zu einer als verantwortungsvoll und zumutbar erlebten Studienteilnahme beitragen. Um die Qualität und Akzeptanz des Leitfadens zu erhöhen, werden zusätzlich externe Expert*innen aus Forschung, klinischer Praxis und Patient*innenorganisationen in die Ausarbeitung einbezogen. Im besten Fall kann die wissenschaftliche Qualität zukünftiger qualitativer Studien zu ME/CFS durch Nutzung des Leitfadens nachhaltig verbessert werden.

Titel: Belastungsbewusst forschen: Entwicklung eines Leitfadens zur Gestaltung qualitativer Interviews mit ME/CFS-Betroffenen (BeFoMECO)
Projektleitung: PD Dr. Christine Blome und Dr. Katharina Hense, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Laufzeit: 12 Monate