Förderung neuer Forschungsprojekte durch die DG.ME/CFS
50.000 Euro für zwei neue ME/CFS-Studien
Die Forschung an der Erkrankung Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS) voranzutreiben, ist eines der Hauptziele der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS (DG.ME/CFS). Seit 2022 finanzieren wir daher thematisch breit gestreute Pilotstudien im Bereich der Grundlagen-, Biomarker-, Therapie- und Versorgungsforschung. Die Anträge werden durch den Ärztlichen Beirat der DG.ME/CFS bewertet und durch den Vorstand auf Basis wissenschaftlicher und strategischer Kriterien ausgewählt. In diesem Jahr können insgesamt zwei Projekte durch Spenden und Mitgliedsbeiträge sowie eine großzügige Zuwendung der ODDO BHF Stiftung finanziert werden. Die Projekte laufen von Mai 2025 bis April 2026 und werden mit jeweils 25.000 Euro gefördert.
Netzhautbildgebung als Diagnostik bei ME/CFS
Die Netzhautbildgebung wird seit längerem als diagnostische Methode für ME/CFS in Betracht gezogen. Bisher scheitert eine breite Implementierung an robusten Daten und einheitlichen Auswertungsstandards. Das Team der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Frederike C. Oertel am Experimental and Clinical Research Center (ECRC) der Charité und am Max Delbrück Center in Berlin hat nun das Ziel, die Technik der dynamischen Gefäßanalyse (engl. Dynamic Vessel Analysis (DVA)) als Standarddiagnostik für ME/CFS zu etablieren.
Erfahrungen sammelte das Team bereits mit der Erforschung neuroinflammatorischer Erkrankungen. Sie nutzen einen translationalen Forschungsansatz mit Fokus auf Neuroprotektion, Bildgebung und das visuelle System. Die Gruppe unterstützt verschiedene klinische Studien im Bereich Post-COVID-Syndrom (PCS) und ME/CFS mit der Bildgebung des Augenhintergrunds in der Clinical Research Unit des ECRC.
Mittels der dynamischen Gefäßanalyse wird die Fähigkeit der Blutgefäße zur Reaktion auf einen Lichtstimulus gemessen. Bei gesunden Menschen erweitern sich die Blutgefäße im Auge kurzzeitig, bevor sie sich wieder zusammenziehen (siehe Abbildung). Menschen mit krankhaft veränderter Funktionsfähigkeit der Gefäße (endotheliale Dysfunktion) zeigen dabei oft Einschränkungen, die im Augenhintergrund gemessen werden können.
Eine Reihe von Studien deuten darauf hin, dass eine endotheliale Dysfunktion bei ME/CFS-Betroffenen vorliegt (Scherbakov et al. 2020, Haffke et al,, 2022, Sandvik et al. 2023). Bei Messungen am Augenhintergrund von ME/CFS- und PCS-Betroffenen konnte eine reduzierte Durchblutung von Kapillaren (kleinste Blutgefäße) bereits beobachtet werden (Schlick et al., 2022, Kuchler et al 2023). Für die Analyse herangezogen werden dabei charakteristische Messwerte, in der Regel die maximale Dehnung eines Gefäßes. Obwohl eine Tendenz zu einer krankhaften Veränderung bei PCS- und ME/CFS-Betroffenen zu erkennen ist, ist die Streuung der Werte groß. Zusätzlich erschweren uneinheitliche Auswertungsmuster eine robuste Diagnostik.
Lukas Reeß, Doktorand in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Frederike C. Oertel, möchte gemeinsam mit Prof. Dr. Frank Konietschke (Institut für Biometrie und Klinische Epidemiologie, Charité, Berlin) und Prof. Dr. med. Christoph Schmaderer (Nephrologie, Technische Universität, München) sowie weiteren Partner*innen der Nationalen Klinischen Studiengruppe (NKSG) die Datenauswertung der dynamischen Gefäßanalyse verbessern und standardisieren. Zukünftig soll nicht nur ein einzelner Messpunkt für die Auswertung herangezogen werden, sondern die Reaktion des Blutgefäßes über den gesamten Zeitraum der Messung hinweg. Denn auch diese Daten liefern wertvolle Informationen: So könnte nicht nur beobachtet werden, wie stark ein Blutgefäß auf einen Lichtreiz reagiert, sondern u.a. auch wie schnell es dazu in der Lage ist.
Lukas Reeß und das Team erhoffen sich, mithilfe einer standardisierten und robusten Analysepipeline in Zukunft ME/CFS besser erkennen zu können. Subgruppenanalysen sollen Aufschluss über verschiedenen Ausprägungen der Erkrankung geben und Gemeinsamkeiten und Unterschiede von PCS- und ME/CFS-Betroffenen herausarbeiten.
Bei robuster Datenauswertung könnte diese nicht-invasive Methode eine sinnvolle Ergänzung zur Diagnostik in ME/CFS-Ambulanzen oder Augenarztpraxen werden.

Abbildung: Auswertung der Dynamischen Gefäßanalyse (DVA) mittels Imedos Dynamic Analyzer (Imedos Health GmbH, Jena). Die Abbildung zeigt den relativen arteriellen Gefäßdurchmesser bei normwertiger Gefäßantwort (oben) auf einen Lichtstimulus und bei eingeschränkter Gefäßantwort (unten).
Neuroinflammatorische Prozesse bei post-infektiösem ME/CFS
Obwohl neurologische Symptome charakteristisch für ME/CFS sind und Veränderungen im zentralen Nervensystem gegenüber gesunden Menschen festgestellt werden konnten, sind die grundlegenden molekularen Prozesse dahinter noch unzulänglich untersucht und verstanden. Forschungsarbeiten zeigen z.B. eine Minderdurchblutung und mikrostrukturelle Veränderungen des Gehirns, einen veränderten Metabolismus inklusive erhöhter Laktatwerte im Liquor, und Entzündungen des Nervensystems (Näheres dazu hier). Viele der Befunde konnten durch die Forschung zum PCS bestätigt und um weitere Erkenntnisse erweitert werden (siehe Review Moen et al. 2025).
Dr. Marlen Alisch vom Experimental and Clinical Research Center (ECRC) der Charité und Max Delbrück Center in Berlin möchte zu einem besseren Verständnis dieser neurologischen Veränderungen beitragen. Ihr Forschungsprojekt zielt darauf ab, neuroinflammatorische Prozesse bei ME/CFS im zentralen Nervensystem anhand eines humanen Zellkulturmodells zu untersuchen. Dazu sollen Neuronen, Astrozyten und Mikroglia aus humanen Stammzellen hergestellt und mit Seren von ME/CFS-Patient*innen nach SARS-CoV-2 und anderen Auslösern sowie gesunden Kontrollen inkubieren werden. Dr. Alisch möchte erforschen, ob die Neuronen geschädigt werden und wie sich die Aktivität der Astrozyten und Mikroglia durch Faktoren im Serum der Erkrankten verändert.
Mikroglia und Astrozyten sind spezialisierte Zellen des zentralen Nervensystems mit wichtigen Aufgaben für Gesundheit und Funktion des Gehirns. Mikroglia wirken als Immunzellen des Gehirns: Sie erkennen und beseitigen Krankheitserreger, Zelltrümmer und schädliche Proteine. Zudem spielen sie eine Rolle bei Entzündungsprozessen und der neuronalen Entwicklung. Astrozyten unterstützen die Nervenzellen strukturell und funktionell. Sie regulieren den Blutfluss, erhalten die Blut-Hirn-Schranke, kontrollieren den Neurotransmitterhaushalt und versorgen Neuronen mit Nährstoffen. Beide Zelltypen sind auch an der neuronalen Kommunikation beteiligt und können auf Störungen im Gehirn mit komplexen Reaktionen reagieren. Dysfunktionen von Mikroglia und Astrozyten werden mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht und auch bei ME/CFS gibt es Hinweise auf eine Fehlfunktion.
Das humane Zellkultursystem aus Neuronen, Astrozyten und Mikroglia haben die Forschenden um Dr. Alisch bereits für Untersuchungen zur Multiplen Sklerose (MS) und Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMSOD) angewandt. Sie möchten es nun für die Erforschung von ME/CFS nutzen und optimieren.
Die Ergebnisse können wertvolle Informationen über das Zusammenspiel zwischen Immunsystem und zentralem Nervensystem liefern und so das Verständnis des Krankheitsprozesses bei ME/CFS erweitern.


Abbildung: Aus Stammzellen hergestellte Astrocyten (links) und Mikroglia (rechts)
Redaktion: mwi


