Litt Charles Darwin an ME/CFS?

Charles Darwin, der Entdecker der Evolutionstheorie und einer der wichtigsten Wissenschaftler der letzten 200 Jahre, litt möglicherweise an ME/CFS.

Schon mehrmals machten Ärzte wie Erkrankte auf diese Hypothese aufmerksam. Zuletzt Dr. Zaher Nahle, ehemaliger Chief Scientific Officer der amerikanischen »Solve ME/CFS Initiative« 1

Darwin litt Zeit seines Lebens bis zu seinem Tod unter einer Vielzahl von Symptomen, die sich ab seinem 28 Lebensjahr kontinuierlich verschlechterten. Darunter Fatigue, chronische Erschöpfung, Schwäche, Unwohlsein, Schwindel, Sehstörungen, Muskelkrämpfe, Tachykardien, Atemnot, Magen- und Kopfschmerzen, Nahrungsmittelunverträglichkeit, starkem und häufigem Erbrechen, Koliken, Schlaflosigkeit, Tinnitus, Temperaturempfindlichkeit, Tremor, Gelenkschmerzen, Infektanfälligkeit, „ein schwimmender Kopf“, Hautausschläge sowie depressive Episoden.2 3 Die Symptome fluktuierten. Von relativer Gesundheit bis zu Zeiten, in denen Darwin das Bett monatelang nicht mehr verlassen konnte. Gegen Ende seines Lebens hatte sich sein Zustand soweit verschlechtert, dass er sein Haus kaum noch verließ und zurückgezogen lebte.

Darwin dokumentierte seinen Gesundheitszustand sowie die zunehmenden Symptome ausführlich in seinen Tagebüchern und Briefen.

Kurz vor seiner berühmt gewordenen Forschungsreise mit der HMS Beagle berichtete Darwin in seinem Tagebuch erstmalig von Brustschmerzen und Herzklopfen.4 Darwin verbrachte 1831 zwei Monate in Plymouth und wartete auf die Abreise der Beagle, die auf Grund starker Stürme mehrmals verschoben werden musste. Die Wartezeit beschrieb er als schlimmste Zeit seines Lebens, in der er sich in verschiedener Weise überanstrengte. Neben Heimweh und dem düsteren Wetter litt er unter Brustschmerzen und Herzklopfen und war davon überzeugt herzkrank zu sein, meldete dies jedoch nicht, da er seine Reise nicht gefährde wollte. Schon vor dieser Episode berichtete er mit Anfang 20 von einer ausgeprägten Fatigue.

Auf der fünfjährigen Forschungsreise machte Darwin vor allem seine schwere Seekrankheit inklusive Übelkeit und Erschöpfung zu schaffen, die verheerender war, als er vor der Abreise erwartet hatte.5 Dazu kamen mehrere Fieber, die er sich auf der Reise einfing.

Wieder in England im Jahr 1837 beschrieb Darwin, jetzt 28 Jahre alt, erneut starke Palpitationen bzw. Herzklopfen: »...alles was mich in Unruhe bringt, setzt mich danach komplett außer Gefecht, und bringt heftiges Herzklopfen mit sich.«6 Dazu kamen Magen- und Kopfschmerzen, die ihn für Tage ins Bett zwangen. Das ständige Herzklopfen hielt an und seine Ärzte rieten ihm, mehrere Wochen auf dem Land zu verbringen.7

Ab da verschlechterte sich Darwins Gesundheitszustand zusehends. Die nächsten vierzig Jahre bis zu seinem Tod litt er an einer Vielzahl von chronischen Symptomen (s.o.). 1848, 1852, 1859, 1863 hatte Darwin mehrere chronische Episoden, in denen sich sein Zustand weiter verschlechterte. 8

Darwin und sein Sohn schrieben mehrmals von einer „weakness“ (Schwäche), die ihn daran hinderte, längere Gespräche zu führen, sich zu konzentrieren, Reisen zu unternehmen, Ehrungen in Empfang zu nehmen und in London zu leben. 9 1842 sieht sich Darwin auf Grund seiner angeschlagenen Gesundheit gezwungen von London in ein ruhiges Landhaus in Downe zu ziehen. Daraufhin reiste er nur noch selten. Er schreibt über eine Einladung nach Suffolk: »Die Reise mit der Aufregung würde wahrscheinlich dazu führen, dass ich ganz erschöpft ankomme. [...] ich bezweifle, dass ich die Aufregung zu dieser Zeit aushalte. Ich habe meine Schwäche nie als größeres Übel empfunden. [Schon ein kurzer Vortrag] brachte 24 Stunden Erbrechen.« 10 Sein Sohn schreibt über Darwins Alltag: »Dies war eines der vielen Anzeichen und Folgen seiner kontinuierlichen Schwäche und schlechten Gesundheit. Ungefähr eine halbe Stunde Unterhaltung machte für ihn der Unterschied einer schlaflosen Nacht, oder des Verlustes des halben nächsten Arbeitstages.« 11

Stress und Aufregung schienen seinen Gesundheitszustand zu verschlechtern. Auch starke Gerüche durch Chemikalien, die er bei seinen Experimenten benutze, verstärkten seine Symptome. 12

Zur Mitte seines Lebens litt Darwin vor allem unter starkem und häufigen Erbrechen, die nach Anstrengung auftraten. Er beschreibt die Anfälle als heftig, begleitet von Zittern, teilweise über lange Zeit anhaltend. 13

Darwin probierte Zeit seines Lebens mehrere Therapien aus. Unter anderen die damals oft verschriebene Wassertherapie des viktorianischen Arztes Dr. Gully. In dem Kurbad Malvern Hills bekamen die Patienten naße Tücher um die Beine gewickelt, badeten in kaltem Wasser, absolvierten Morgenspaziergänge und hielten sich an eine strikte Diät aus Crackern und Heilwasser. Darwin berichtete von einer Besserung seiner Symptome, die jedoch laut seines Sohnes nur vorübergehend anhielt14 „Die unfreiwilligen Muskelzuckungen sind verschwunden, auch das Gefühl das Bewusstsein zu verlieren, die schwarzen Punkte vor den Augen.“ 15 Darwin baute sich zu Hause eine eigene Dusche mit kaltem Wasser, um seine Symptome zu lindern, stoppte jedoch die Therapie jedoch drei Jahre später, da er zu dem Schluss kam, dass es keinen signifikanten Effekt hatte.

In späteren Jahren lebte Darwin sehr zurückgezogen, da Aufregung seinen Zustand verschlimmern konnte. 1876 schrieb er: „Wenige müssen ein ruhigeres Leben gelebt als wir. Außer kurzen Besuchen zu den Häusern mit Bekanntschaften oder gelegentlichen Ausflügen ans Meer oder woanders, sind wir nirgendwo hingegangen.« 16 1881, ein Jahr vor seinem Tod, schrieb Darwin: „Meine Gesundheit ist sehr schwach, ich verbringe niemals 24 Stunden ohne viele Stunden mit Beschwerden, in denen ich nichts tun kann.“ 17 Er berichtete, seine größte Freude wäre die wissenschaftliche Arbeit gewesen, die ihn von seinen täglichen Beschwerden abgelenkt hätte.

Die mysteriöse Krankheit Darwins beschäftigt die Medizin und Wissenschaft schon seit Jahrzehnten. Viele Hypothesen sind aufgestellt worden, um was für eine Krankheit es sich gehandelt haben könnte. Darunter psychosomatische Beschwerden, Chagas Krankheit, Ménière's Syndrom, Cyclic Vomiting Syndrome, Mitochondriopathien oder Laktoseintoleranz. Eindeutig sind die Diagnosen allerdings nicht. Gegen den Chagas-Parasiten spricht z.B., dass Darwin relativ alt geworden ist, da die Krankheit in ihrer chronischen Form oft tödlich endet. Gegen Ménière's, dass er kaum Hörprobleme hatte. Gegen eine psychosomatische Genese, dass seine Symptome stark fluktuierten und selten mit seiner Stimmung oder seinen Erlebnissen übereinstimmten.

Einiges spricht jedoch dafür, dass Darwin unter ME/CFS gelitten hat. Das frühe Auftreten von ständigem Herzklopfen, Schwindel und Magen- und Kopfschmerzen könnte ein Hinweis auf das Posturale Orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS) sein, eine Form der autonomen Syndrome, das ME/CFS oft begleitet. Ebenso auffällig ist die extreme Schwäche, Erschöpfbarkeit und die Muskelkrämpfe, die Darwin oft beschreibt. Er spricht hier selbst von einem „failure of power", „constant weakness“ und „fatigue“. Weniger typisch für ME/CFS ist hingegen ist das starke Erbrechen, unter dem er vor allem gegen Mitte seines Lebens litt. Interessant ist jedoch die Verschlechterung seiner Symptome durch Stress, Aufregung, Gespräche, Reisen, Vorträge und Gerüche. Dies erinnert an die Post-Exertional Malaise, das Kardinalsymptom von ME/CFS, das bei anderen Krankheiten in dieser Form nicht vorkommt.

Die finale Diagnose werden wir nicht mehr stellen können. ME/CFS steht jedoch als mögliche Antwort auf die mysteriöse Krankheit Darwins im Raum.

 

dha

 

 

  1. https://solvecfs.org/did-darwin-have-mecfs/, abgerufen am 04. April 2018
  2. http://darwinstudents.blogspot.de/2009/06/illness-of-charles-darwin-retrospective.html, abgerufen am 04. April 2018
  3. Campell and Matthews (2005). Darwin’s illness revealed. Postgrad Med J 2005;81:248–251. doi: 10.1136/pgmj.2004.025569
  4. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 64)
  5. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 224f und S. 227)
  6. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 287)
  7. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 284)
  8. https://www.darwinproject.ac.uk/people/about-darwin/darwins-health, abgerufen am 04.April 2018 
  9. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 123, S. 272, S. 306)
  10. Darwin Correspondence Project, Letter to T.J.Hooker, 23. April 1861
  11. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 123) 
  12. http://darwinstudents.blogspot.de/2009/06/illness-of-charles-darwin-retrospective.html, abgerufen am 04. April 2018
  13. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 79) 
  14. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 131)
  15. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 379)
  16. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 79)
  17. Darwin, Francis ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray. Volume 1. (S. 306)