Therapie von ME/CFS
Bislang fehlen speziell für ME/CFS zugelassene und kurative (heilende) Medikamente, sodass die Behandlung von ME/CFS aktuell darauf beruht, Krankheitsverschlechterungen mithilfe der Pacing-Strategie nach Möglichkeit zu vermeiden, sowie einzelne Symptome mit In- und Off-Label-Medikamenten zu behandeln. Für eine zukünftige zielgerichtete Versorgung und die Entwicklung heilender Therapien ist klinische Therapieforschung und deren Finanzierung essenziell wichtig. In Deutschland ist hierfür die an der Charité von Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen koordinierte Nationale Klinische Studiengruppe (NKSG) ein vorbildhaftes Forschungsnetzwerk.
Um mit der psychischen Belastung durch die erheblichen körperlichen und kognitiven Einschränkungen bei ME/CFS umzugehen, kann zudem eine begleitende Psychotherapie sinnvoll sein, falls diese von den Betroffenen gewünscht wird und die Krankheitsschwere dies zulässt. Auf Aktivitätssteigerung ausgelegte oder von dysfunktionalen Gedankenmustern ausgehende Psychotherapien sowie auftrainierende sporttherapeutische Konzepte sind dagegen kontraindiziert, da sie den Gesundheitszustand dauerhaft verschlechtern können.

Pacing-Strategie als zentrales Krankheitsmanagement
Das spezifische Leitsymptom von ME/CFS stellt die Post-Exertionelle Malaise (kurz PEM) dar: Nach schon leichten körperlichen, kognitiven oder emotionalen Anstrengungen verschlechtert sich der Allgemeinzustand ME/CFS-Erkrankter unmittelbar oder mit einer Verzögerung von etwa 12 bis 48 Stunden. Neben der Verschlechterung der bestehenden Symptomatik können auch neue Symptome hinzukommen und es kommt zu einem erheblichen Leistungsabfall. Dieser Zusammenbruch, häufig Crash genannt, kann mehrere Tage, manchmal auch Wochen andauern, bis wieder das Ausgangsniveau erreicht wird. Jeder Crash birgt allerdings die Gefahr einer dauerhaften Verschlechterung.
Daher sollte PEM möglichst vermieden werden. Hierbei kann die Pacing-Strategie helfen: Pacing bedeutet, die individuell möglichen Aktivitäten so zu planen, dass die individuelle pathologische Belastungsgrenze nicht überschritten wird. Tätigkeiten, die zu einem Crash führen können (abhängig vom Schweregrad z. B. Einkaufen oder Wohnung putzen, bei schwerer Erkrankten auch schon Körperpflege oder Aufstehen), sollten wenn möglich an Familie, Freunde oder betreuende Personen abgegeben werden. Bei Vorliegen einer Orthostatischen Intoleranz sollten je nach Schwere Aktivitäten nach Möglichkeit liegend verrichtet werden (z. B. Arbeit am Computer). Für körperliche und kognitive Entlastung kann je nach Schweregrad zwischen einzelnen Aktivitäten (z. B. körperlich vs. geistig) gewechselt werden. Besonders wichtig ist es, auf Warnsymptome des Körpers zu achten, und wenn sich ein Crash andeutet, Aktivitäten rechtzeitig abzubrechen. Pacing stellt für Betroffene eine große Herausforderung dar und erfordert viel Disziplin. Für eine erfolgreiche Umsetzung ist daher auch ein sensibilisiertes, verständnisvolles und mitdenkendes soziales Umfeld wichtig.
Weiterführende Informationen zum Pacing inklusive eines Aufklärungsvideos finden sich auf unserer Pacing-Seite.

Off-Label-Medikamente zur Symptomlinderung
Viele Medikamente sind nur für wenige oder einzelne Krankheiten oder nur für Erwachsene zugelassen, da entsprechende Zulassungsstudien für weitere Erkrankungen kostenintensiv oder, insbesondere im Falle von Studien an Kindern, risikobehaftet sind. Daher ist es in der Medizin üblich, bei selteneren oder wenig beforschten Erkrankungen oder im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde Medikamente auch über die Zulassung hinaus im sogenannten Off-Label-Use einzusetzen. Off-Label-Medikamente werden allerdings häufig nicht von den Krankenkassen erstattet. Seit Jahrzehnten müssen ME/CFS-Betroffene ihre Medikamente selbst bezahlen, wenn sie überhaupt das Glück haben, eine*n Ärzt*in zu finden, der*die ihnen Medikamente zur Behandlung von ME/CFS verschreibt.
In Österreich war es möglich, eine Liste von Off-Label-Medikamenten für ME/CFS und das Post-COVID-Syndrom direkt für die österreichischen Krankenkassen zu erstellen, für die die Kosten übernommen werden. In Deutschland ist für diese Entscheidung der G-BA (Gemeinsame Bundessausschuss) zuständig und eine Expertengruppe wurde vom Bundesministerium für Gesundheit beauftragt, gemeinsam mit dem BfArM zu prüfen, welche Evidenzen es für eine mögliche Off-Label Empfehlung gibt. Leider gibt es nur wenige Medikamente für die Studiendaten vorliegen, die die Kriterien des GBA erfüllen und auf der Liste stehen daher nur Agomelatin und Low-Dose Naltrexon (LDN) für ME/CFS, Vortioxetin für Post COVID, Ivabradin für PoTS und Metformin zur Prävention bei COVID.
Die Expertenkommission hat jedoch auch einen Therapiekompass erstellt für sogenannte In-Label Medikamente, die zur Behandlung und Linderung von Symptomen und Komorbiditäten verschrieben werden können. Diese umfassen u.a. Medikamente für Kreislaufdysregulation (Tachykardie, Orthostatische Intoleranz), Schmerzsymptome, Schlafstörungen und Allergien.
Konkrete und umfangreiche Therapieempfehlungen finden sich im Praxisleitfaden ME/CFS und in unserem Ärzteportal.

Klinische Forschung für heilende Therapien
Die oben genannten Medikamente können oft einzelne Symptome lindern, haben in der Regel allerdings keinen direkten und nachhaltigen Einfluss auf den Krankheitsmechanismus, der ME/CFS zu Grunde liegt. Außerdem sprechen nicht alle Betroffenen gleichermaßen auf die unterschiedlichen Medikamente an. Daher braucht es unbedingt Medikamente und Therapieansätze, die zielgerichtet am Krankheitsmechanismus von ME/CFS ansetzen und das Potenzial haben, die Erkrankung deutlich zu verbessern oder zu heilen. Dazu ist einerseits weitere Grundlagenforschung für ein tiefergehendes Verständnis des Krankheitsmechanismus notwendig, anderseits kann das schon vorhandene Wissen und bereits für andere Krankheiten entwickelte Medikamente (drug repurposing) genutzt werden, um unmittelbar Therapiestudien zu initiieren. Für ME/CFS wird es wie für viele andere Erkrankungen auch, wahrscheinlich mehrere Medikamente brauchen, um allen Erkrankten eine wirksame Therapie anzubieten. Auf der Grundlage von Markern ist es jedoch inzwischen auch schon möglich gezielt Studien zu planen, so z. B. für Betroffene bei denen Autoantikörper wahrscheinlich ursächlich sind. Andere Medikamente, die in Studien geprüft werden, richten sich gegen Entzündung oder Störungen der Durchblutung.
Die Nationale Klinische Studiengruppe (NKSG) an der Charité Berlin verbindet Grundlagenforschung mit Therapieforschung, indem Therapiestudien von umfassenden diagnostischen Tests und Biomarkeruntersuchungen begleitet werden. Aufbauend auf den Erkenntnissen zur Rolle der Autoimmunität und der vaskulären Dysfunktion bei ME/CFS (siehe Pathophysiologie von ME/CFS) wird in der VERI-LONG-Studie das gefäßerweiternde Medikament Vericiguat getestet und in der HBOT-Studie die hyperbare Sauerstofftherapie. In der IA-PACS-CFS-Studie (placebokontrolliert) wird die Immunadsorption getestet, bei der Autoantikörper aus dem Blut gefiltert werden und damit der Autoantikörper-Spiegel gesenkt wird. Die Ergebnisse dieser Studien werden im Laufe des Jahres 2025 vorliegen. Das Ergebnis der RIA-Immunadsorptionsstudie (Beobachtungsstudie) wurde bereits veröffentlicht und zeigt, dass es vielen Patienten nach der Senkung der Autoantikörper besser geht (Stein et al., 2024). Da die Antikörper produzierenden B- und Plasma-Zellen allerdings weiter Autoantikörper produzieren, müssen nun Medikamente getestet werden, bei denen B-Zellen aus dem Körper entfernt werden, um möglichst einen nachhaltigen therapeutischen Effekt zu erzielen. In der NKSG sind daher Therapiestudien geplant mit modernen monoklonalen Antikörpern gegen die auf der Oberfläche von B-Zellen befindlichen Proteine CD19, CD20 und CD38. Diese Antikörper können sehr wirksam B- und Plasma-Zellen angreifen, jedoch steht bislang noch die Förderzusage aus. Erste Ergebnisse aus einer Beobachtungsstudie (ohne Kontrollgruppe) aus Norwegen liegen bereits vor, die zeigen, dass das gegen CD38 gerichtete Medikament Daratumumab, das Plasma-Zellen entfernt, eine sehr gute und rasche Wirksamkeit bei 6 der 10 ME/CFS Patienten hatte (Fluge et al., 2025). Eine placebokontrollierte Studie mit Daratumumab befindet sich bereits in der Rekrutierungsphase (Trial ID: 2024-520094-13-00).
Für das Aptamer BC 007, das bestimmte Autoantikörper neutralisieren soll, sind zwei Studien bei Long COVID abgeschlossen, deren Ergebnisse sich allerdings unterscheiden. Während sich in der großen Studie der Herstellerfirma Berlin Cures kein Unterschied in der Schwere der Fatigue zwischen Behandlung und Placebo zeigte, fand sich in der Studie am Uniklinikum Erlangen ein leichter aber signifikant positiver Effekt von BC 007 auf die Fatigue und die Funktionseinschränkung (Bell-Skala) der Long-COVID-Betroffenen. Eine zu ME/CFS geplante BC 0007-Studie in Erlangen steht weiterhin aus (unCOVer-Projekt).
Das ME/CFS Research Register der ME/CFS Research Foundation bietet eine Übersicht über alle laufenden Forschungsprojekte inklusive Therapiestudien zu ME/CFS in Deutschland, Österreich, Schweiz und den Niederlanden. Mit besonderem Interesse werden die Ergebnisse der RAPID REVIVE Multicenter Studie mit dem Medikament Vidofludimus, das immunmodulierend ist und von der NUM-Studiengruppe bereits voll rekrutiert ist, erwartet (Trial ID: 2024-511628-16-00).

Begleitende Psychotherapie zur psychischen Entlastung
ME/CFS geht mit einer im Vergleich zu anderen Krankheiten besonders hohen Einschränkung der Lebensqualität und einer desaströsen Versorgungslage einher. Viele Neuerkrankte werden aus ihrem bisherigen Lebensalltag gerissen und sind plötzlich körperlich und kognitiv stark eingeschränkt. Fehlende heilende Medikamente und eine unklare Prognose führen zu einer unklaren Zukunftsperspektive. Ein weiterhin bestehendes Anerkennungsdefizit der Erkrankung in Medizin und Gesellschaft führt häufig zur Stigmatisierung und Diskriminierung der Erkrankten. So kann eine enorme psychische Belastung entstehen. Einige Betroffene können dabei über psychische Belastungssymptome hinaus auch psychische Erkrankungen wie eine Depression entwickeln.
Wenn Betroffene dies wünschen und körperlich dazu in der Lage sind, kann eine begleitende Psychotherapie helfen, mit der eingeschränkten Lebenssituation besser umzugehen. Dabei kann es sowohl darum gehen, einen Umgang mit der psychischen Belastungssituation zu finden, als auch zu lernen Pacing-Strategien zur Vermeidung von Crashs besser in den Alltag zu integrieren. Wichtig dabei ist, dass die behandelnden Psychotherapeut*innen ein Grundverständnis von ME/CFS als organische Erkrankung haben und insbesondere mit dem Kernsymptom PEM sowie mit Pacing vertraut sind. Die Psychotherapeut*innen Tilmann und Bettina Grande haben zusammen mit weiteren ME/CFS-Expert*innen einen Fachartikel verfasst, der die Rolle der Psychotherapie bei ME/CFS näher beschreibt.
Weiterführende Informationen zum Thema finden sich auf unserem Informationsblatt „Begleitende Psychotherapie bei ME/CFS“.

Potenziell schädliche Therapieansätze
Aufbauend auf falschen Vorstellungen einer psychosomatischen Krankheitsentstehung von ME/CFS wurden in der Vergangenheit immer wieder Therapiekonzepte propagiert, die als zentrales Element die Beeinflussung angeblich falscher Krankheitsüberzeugungen beinhalten. Das Kardinalsymptom von ME/CFS, die Post-Exertionelle Malaise, wird bei diesen Therapieansätzen als eine selbsterfüllende Prophezeiung umgedeutet und an Stelle von Pacing werden aktivitätssteigernde Maßnahmen vorgeschlagen. Beispiele hierfür sind die Graded Exercise Therapy (GET) und eine auf Aktivitätssteigerung ausgerichtete Kognitive Verhaltenstherapie (CBT). Für GET und CBT haben Umfragen immer wieder bei einem großen Teil der Betroffenen dauerhafte Zustandsverschlechterungen gezeigt (Geragthy et al., 2019). Auch Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS haben hier eindrücklich von den negativen Auswirkungen von GET und CBT berichtet. Das IQWiG schreibt in seinem Bericht, dass „schwerwiegende Nebenwirkungen der GET [nicht] auszuschließen [sind]“ (Seite V). Die NICE-Leitlinie und DEGAM-Leitlinie raten explizit von GET und aktivierender CBT ab. Neben der körperlichen Zustandsverschlechterung können solche Ansätze Betroffene auch psychisch erheblich belasten. Ihnen wird suggeriert, dass sie die Krankheit selbst unter Kontrolle haben und dadurch in der Verantwortung stehen, sich selbst zu heilen. Dadurch entsteht ein erheblicher und nicht zu erfüllender Erwartungsdruck, der noch verstärkt werden kann, wenn auch die Familie und das soziale Umfeld an eine psychosomatische Krankheitsgenese glauben. Umfragen zeigen, dass die falsche Einordnung von ME/CFS als psychosomatische Krankheit einer der wichtigsten Gründe für Suizidgedanken bei ME/CFS-Betroffenen ist (König et al., 2024). Die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS hat einen Fachartikel veröffentlicht, der ausführlich erläutert, warum die psychosomatische Sicht auf ME/CFS Betroffenen schadet.
Andere Therapieansätze, die propagieren, dass eine Selbstheilung von ME/CFS möglich sei, sind sogenannte Brain-Retraining-Programme. Diese bauen auf der unbelegten Annahme auf, dass ME/CFS-Symptome durch neuronale Feedbackschleifen aufrechterhalten werden würden, die sich durch das Unterbrechen festgefahrener Gedankenmuster und durch Fokussierung auf positive Emotionen durchbrechen ließen. Auch bei diesen Ansätzen wird die Verantwortlichkeit für eine Genesung von ME/CFS auf die Betroffenen verschoben und es werden falsche Erwartungen einer möglichen Selbstheilung geschürt. Das durch Brain-Retraining-Programme erlernte Ignorieren körperlicher Warnsymptome kann durch die Post-Exertionelle Malaise schwerwiegende Gesundheitsverschlechterungen nach sich ziehen. Zudem erfordert Fokussierung und oftmals geforderte aktive Visualisierung einen kognitiven Kraftaufwand, der vor allem im Falle Schwerstbetroffener zu deutlicher kognitiver Überlastung führen kann und das Potential birgt, PEM auszulösen. Beispiele für relativ weit verbreitete Brain-Retraining-Programme sind das Gupta – Programm (siehe MEpedia-Artikel zur Kritik) und der Lightning Process, von dessen Anwendung die NICE-Leitlinie zu ME/CFS explizit abrät.

Genesung von ME/CFS: Spontanremission versus Therapieerfolg
In eher seltenen Fällen kommt es bei ME/CFS zu einer vollständigen Genesung (Cairns & Hotopf, 2005; Ghali et al., 2022). Im Krankheitsverlauf kann es allerdings immer wieder zu teilweisen Zustandsverbesserungen kommen. Diese können sowohl spontan ohne erkennbare Einwirkung auftreten als auch aufgrund einer therapeutischen Intervention (Medikament, Pacing, etc.). Einzelfallbeobachtungen können bei einem klaren zeitlichen Zusammenhang zwischen Intervention und Verbesserung bei Vorliegen eines plausiblen Wirkmechanismus ein wichtiger Hinweis sein, um die Intervention bzw. das Medikament in einer wissenschaftlichen Studie zu testen. Verschiedene Effekte können jedoch dazu führen, dass für eine Therapie fälschlicherweise eine Wirksamkeit angenommen wird. Dies ist u. a. der Fall, wenn eine spontane Verbesserung zufällig im Zeitraum der Therapie auftritt und sie der Therapie zugeschrieben wird. Zudem kann eine starke positive Erwartungshaltung gegenüber einer Therapie dazu führen, dass sich subjektiv eine Besserung der Symptome einstellt – auch in dem Fall, dass sich die objektive Krankheitssituation nicht nachweislich verändert hat (Placebo-Effekt). Fallstudien können zudem durch die Auswahl der präsentierten Fälle verzerrt werden. Da Studienleiter oftmals eine positive Erwartung gegenüber der Intervention haben, kann es zu einem „Best Of“-Effekt kommen, wobei vorwiegend Fälle publiziert werden, bei denen die Intervention die beste Wirkung gezeigt hat.
Solche Effekte sind bei der Interpretation einzelner Therapieberichte, Genesungsgeschichten und Studien ohne Placebo-Kontrolle immer mit zu beachten. Um herauszufinden, ob ein Medikament oder eine Therapie wirklich die Krankheitssymptomatik bessern oder gar heilen kann, wird das Medikament in wissenschaftlichen Studien optimalerweise zufällig (randomisiert) einem Teil der Studienteilnehmenden verabreicht, während der andere Teil (Kontrollgruppe) ein Scheinmedikament (Placebo) erhält. Im Idealfall wissen weder die Teilnehmenden noch die Studienleiter, ob das Medikament oder das Placebo verabreicht wurde (Doppelblindstudie). Dadurch soll vermieden werden, dass Studienleiter bei wissender Gabe des Medikaments bewusst oder unbewusst auf die Patient*innen einwirken und damit das Ergebnis beeinflussen können. Nur wenn die Proband*innengruppe, die unwissentlich das zu testende Medikament erhält, eine gegenüber der Placebogruppe statistisch eindeutig messbare (signifikante) Zustandsverbesserung erfährt, liegt ein klarer wissenschaftlicher Nachweis für die Wirksamkeit eines Medikaments oder einer Therapie vor. Placebo-kontrollierte Studien können für Teilnehmende zunächst unbefriedigend sein, sind aber die Voraussetzung, dass wirksame Medikamente entwickelt und zur Zulassung gebracht werden können, die dann auch den Teilnehmenden und allen anderen auf Rezept zur Verfügung stehen.
Ein gutes Beispiel für eine eingeschränkte Aussagekraft von Therapiestudien aufgrund fehlender Verblindung und fehlender Placebokontrolle sind GET- und CBT-Studien (siehe DG.ME/CFS-Bericht). Die in den Studien verwendeten subjektiven Endpunkte sorgen in Kombination mit der fehlenden Verblindung und der fehlenden Placebokontrolle für ein großes Verzerrungspotenzial, sodass die Studienergebnisse insbesondere wegen den nur kleinen Effektgrößen kaum noch interpretierbar sind. Hinzu kommt, dass die Studien oft mittlerweile veraltete klinische Kriterien zur Diagnose von ME/CFS verwendet haben. Diese berücksichtigen das Leitsymptom PEM nicht, oder PEM ist nur optional, sodass ein relevanter Teil der Proband*innen in diesen Studien nach den heute gängigen Konsensuskriterien nicht an ME/CFS mit dem Leitsymptom PEM leidet. Zur Verbesserung der Patientensicherheit und der Aussagekraft klinischer Studien ist neben der Placebokontrolle daher auch eine sorgfältige Selektion der Studienteilnehmenden anhand aktueller Diagnosekriterien für ME/CFS erforderlich.

Intensivierung der Forschungsanstrengungen notwendig
ME/CFS hat im Vergleich zu anderen chronischen Krankheiten im Durchschnitt eine der schlechtesten Lebensqualitäten überhaupt (Hvidberg et al., 2015). Bei Betroffenen und auch ihren Angehörigen entsteht ein erheblicher Leidensdruck, der oft über viele Jahrzehnte bis lebenslang anhält (Vyas et al., 2022). Durch die Häufigkeit und Krankheitsschwere von ME/CFS entsteht zudem ein hoher volkswirtschaftlicher Schaden. In einer Modellierung durch Risklayer und die ME/CFS Research Foundation werden die jährlichen Kosten, die in Deutschland durch ME/CFS entstehen, auf etwa 31 Milliarden Euro geschätzt. Sowohl aus ökonomischer als auch aus humanitärer Sicht besteht daher ein massiver Handlungsdruck, wirksame und nach Möglichkeit heilende Therapeutika zu entwickeln. Gemessen am wirtschaftlichen Schaden wird in Deutschland und weltweit nur ein Bruchteil der der Krankheitslast angemessenen Forschungssummen in die Erforschung investiert. Hinzu kommt, dass in der Vergangenheit die ME/CFS-Forschung massiv vernachlässigt wurde, sodass ein großer Rückstand im Vergleich zur Erforschung anderer Krankheiten entstanden ist (DG.ME/CFS-Bericht). Daher ist es dringend geboten, dass Politik, Universitäten und Unikliniken, Zivilgesellschaft, Fördervereine und Stiftungen, sowie die pharmazeutische Industrie Verantwortung übernehmen und sich für mehr Forschungsanstrengungen zu ME/CFS einsetzen. Damit Forschung erfolgreich sein kann, ist es wichtig auf das schon vorhandene Wissen zur Krankheitssymptomatik (PEM als charakteristisches Leitsymptom) und zur Pathophysiologie aufzubauen. Gut belegt für ME/CFS sind Veränderungen im Blutkreislauf (vaskuläre Dysfunktion), Einschränkungen des Energiestoffwechsels und Autoimmunprozesse. Daher ist es u. a. sinnvoll, Medikamente die sich bei anderen vergleichbaren (Autoimmun)-Krankheiten bereits als wirksam gezeigt haben, schnellstmöglich für ME/CFS zu testen, um den Prozess der Medikamentenentwicklung zu beschleunigen.


