Eine Collage aus einem Stethoskop, Labormaterial, DNA und einem Fragebogen

Highlights aus der ME/CFS-Forschung: Mai 2022

Highlights aus der ME/CFS-Forschung

Mai 2022 

Eine neue Rubrik auf unserer Homepage fasst Highlights aus der ME/CFS-Forschung zusammen. Der aktuellste Beitrag beschäftigt sich mit einer Studie vom Team der DePaul University, die verschiedene Diagnosekriterien für ME/CFS empirisch an einer großen internationalen Stichprobe überprüft hat. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zu einer einheitlicheren Klassifikation von ME/CFS-Symptomen.

Studie zur empirischen Überprüfung der ME/CFS-Diagnosekriterien

In einer aktuellen Studie hat das Team der DePaul University (Chicago, USA) um Prof. Dr. Leonard Jason die etablierten Diagnosekriterien für ME/CFS einer empirischen Prüfung unterzogen. Bisher basieren die Kriterien vor allem auf Expert*innen-Konsensus. Die im März in der Fachzeitschrift Disability and Rehabilitation erschienene Studie beschäftigt sich mit der Problematik, dass die Verwendung von verschiedenen Diagnosekriterien für ME/CFS (z. B. Fukuda, ICC, CCC, IOM) mit ihren unterschiedlichen Symptomclustern dazu führen können, dass sich die Stichproben für Studien zu ME/CFS teilweise erheblich unterscheiden und dass Personen mit sehr unterschiedlichen Symptomen die Diagnose ME/CFS erhalten. Das Forschungsteam nutzte nun die etablierte statistische Methode der Faktorenanalyse, um die wichtigsten Symptomkategorien für die ME/CFS-Diagnostik herauszuarbeiten. Im Gegensatz zu früheren Studien nutzten sie hierfür eine sehr große internationale Stichprobe (2308 Personen aus den USA, Großbritannien, Norwegen, Spanien, den Niederlanden, und Japan) und den bereits umfassend erprobten DePaul Symptom Questionnaire (DSQ-1 oder DSQ-2, jeweils ca. 100 Fragen).

Mithilfe der Faktorenanalyse konnten aus der großen Anzahl von Fragen zentrale Symptomkategorien extrahiert werden. Die Analyse ergab die folgenden sechs Faktoren (Reihenfolge nach größter Erklärungskraft und somit Wichtigkeit für die ME/CFS-Diagnostik): kognitive Dysfunktion, autonome Dysfunktion, Post-Exertional Malaise (PEM), dysfunktionaler Schlaf, kreislaufbezogene/neuroendokrine Dysfunktion, und gastrointestinale Symptome. In einer weiteren Analyse ergab sich, dass der Faktor autonome Dysfunktion in zwei Faktoren aufgespalten werden konnte: orthostatische Intoleranz (OI) und Immundysfunktion. Insgesamt ergaben sich somit sieben elementare Symptomkategorien für ME/CFS.

Respektive des gemessenen Auftretens der Symptome in der Stichprobe ergab sich folgendes Bild: 98 % der Teilnehmenden litten an Post-Exertional Malaise, 92 % an kognitiver Dysfunktion, 78 % an Schlafproblemen, 75 % an kreislaufbezogenen Symptomen, 70 % an orthostatischer Intoleranz, 68 % an immunologischen Symptomen und 67 % an gastrointestinalen Beschwerden.

Die Symptomfaktoren stimmen am ehesten mit den Kanadischen Konsensuskriterien (CCC) überein. Der Hauptunterschied ist, dass in den CCC-Kriterien Fatigue, Schmerzen und Symptome des autonomen Nervensystems eigene Bereiche darstellen. In der aktuellen Studie lud Fatigue jedoch auf dem PEM-Faktor. Dies spricht dafür, dass Fatigue keine eigenständige Symptomklasse von ME/CFS ist, sondern eher eine Folge von PEM zu sein scheint. Dies stellt auch erneut den Namen Chronisches Fatigue-Syndrom mit dem Schwerpunkt auf die Fatigue in Frage. Schmerzen fanden sich auf verschiedenen Faktoren, was dafürspricht, dass Schmerzen ebenfalls eher eine Folge anderer Symptome und keine eigene Symptomklasse sind. Symptome des autonomen Nervensystems wurden den Faktoren OI und gastro-intestinale Symptome zugeordnet. Die Kategorien der ICC-Kriterien hatten die geringste Überschneidung mit den Ergebnissen der Studie. Für die IOM-Kriterien gab es Evidenz für vier der fünf Symptomkategorien (PEM, dysfunktionaler Schlaf, kognitive Dysfunktion und OI). Zudem sprachen die Ergebnisse der aktuellen Studie eher dafür, dass kognitive Dysfunktion im Gegensatz zu den IOM-Kriterien eine eigene Symptomkategorie unabhängig von OI darstellt.

Die Symptomkategorien kognitive Dysfunktion und PEM waren bei mehr als 90 % der Stichprobe vorhanden, was wiederum dafürspricht, dass diese beiden Bereiche die wichtigsten für die ME/CFS-Diagnostik sind. Die anderen vier Kategorien wurden von 75 – 67 % der Stichprobe berichtet, dies könnte dafürsprechen, dass sie eher für Subtypen der Erkrankung relevant sind und keine Kernsymptome von ME/CFS darstellen. Beispielsweise könnten aus den Ergebnissen der Studie Diagnosekriterien abgeleitet werden, die ME/CFS bei Vorhandensein der Hauptsymptome kognitive Dysfunktion, PEM und dysfunktionaler Schlaf in Kombination mit einem oder zwei weiteren Symptomen (kreislaufbezogene/neuroendokrine Dysfunktion, gastro-intestinale Symptome, OI, Immundysfunktion) diagnostizieren könnten.

Zusammenfassung

Zusammenfassend ist die Studie sehr wichtig, um die Güte der Diagnosekriterien empirisch anhand von Befragungen der Betroffenen abzusichern. Als am geeignetsten haben sich die Kanadischen Konsensuskriterien erwiesen und Post-Exertional Malaise ist eindeutig eins der wichtigsten Leitsymptome von ME/CFS. Hier geht es zur Originalstudie.

Referenz

Conroy, K. E., Islam, M. F., & Jason, L. A. (2022). Evaluating case diagnostic criteria for Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS): Toward an empirical case definition. Disability and Rehabilitation, 1–8. https://doi.org/10.1080/09638288.2022.2043462

Redaktion: laf