Online-Fortbildung zu ME/CFS für medizinisches Fachpersonal

Online-Fortbildung zu Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) für medizinisches Fachpersonal

Am 10.02.2021 fand von 17 bis 19 Uhr eine Online-Fortbildungsveranstaltung zum Thema Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) statt. Die wissenschaftliche Leitung hatte Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen (Charité Berlin). Die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e.V. unterstützte die Veranstaltung organisatorisch. Es nahmen fast 400 Ärzt:innen und weitere Angehörige des medizinischen Fachpersonals aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Sebastian Musch, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS, führte durch die Veranstaltung.

Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen hielt zunächst einen Vortrag zum Thema „Klinisches Bild, Diagnose, Pathomechanismen und Therapie von ME/CFS“. Zum Einstieg stellte sie Zahlen zur Prävalenz von ME/CFS sowie zur Demografie und unzureichenden Versorgungssituation der Betroffenen vor. Dann ging sie auf Auslöser und Symptome der Erkrankung ein und erläuterte, dass das Hauptsymptom der post-exertionellen Malaise (PEM) von mind. 14–24 Stunden nach Belastung eine Abgrenzung zu anderen Erkrankungen darstellt. Die typischen Symptome von ME/CFS könnten u. a. auf eine Dysregulation des autonomen Nervensystems (Überaktivierung des Sympathikus) zurückgeführt werden. Im Verlauf ging Prof. Scheibenbogen auf die Diagnostik von ME/CFS ein und stellte einen etablierten Fragebogen zur Anamnese auf Basis der Kanadischen Konsensus-Kriterien (CCC) sowie weitere wichtige Fragen zu Ausschlusserkrankungen vor. Weiterführende Diagnostik könne mit Untersuchungen zum posturalen Tachykardiesyndrom (POTS), überstreckbaren Gelenken, Handkraft, Laboruntersuchungen und zusätzlichen Fragebögen erfolgen. Ausführlich ging sie auch auf Differentialdiagnostik (Unterscheidung von ME/CFS von anderen mit Fatigue einhergehenden Erkrankungen anhand CCC und Belastungsintoleranz) und Komorbiditäten ein. Zum Pathomechanismus von ME/CFS erläuterte Prof. Scheibenbogen Risikofaktoren, auslösende Faktoren und aggravierende Faktoren. Im Detail ging sie auf Evidenz aus der Forschung ein, die auf postinfektiöses ME/CFS als Autoimmunerkrankung hinweise. Abschließend informierte sie über Behandlungsansätze aus internationalen Therapiestudien zur Immunmodulation und über symptomorientierte Therapiemöglichkeiten (Pacing, Immun- und Stresskontrolle, Vitamin-Supplemente, Behandlung von Symptomen wie Schlaf- und Kreislaufstörungen und Schmerzen). Eindeutig wies sie darauf hin, dass eine Aktivierungstherapie kontraindiziert ist.

Prof. Dr. Uta Behrends (Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München [TUM]) hielt im Anschluss einen Vortrag zum Thema „ME/CFS bei Kindern und Jugendlichen – mögliche Folge des Pfeifferschen Drüsenfiebers“. Zunächst stellte sie das Krankheitsbild der Infektiösen Mononukleose durch Epstein-Barr Virus (EBV) vor und ging auf Prävalenzen von daraus folgendem ME/CFS bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein. Sie stellte aktuell in der Forschung diskutierte Hypothesen zur Rolle von EBV in der Pathogenese von ME/CFS vor. Zudem ging sie auf Evidenzen für ein genetisches Risiko, an ME/CFS zu erkranken, ein. Sie erläuterte, dass sich die Hauptsymptome von ME/CFS bei Kindern und Jugendlichen mit jenen bei Erwachsenen decken. Besondere Herausforderungen der Erkrankung im Kindes- und Jugendalter seien Schulfehlzeiten, Nachfragen des Schul- und Jugendamtes und mögliche Sekundärschäden am sich entwickelnden Organismus. Prof. Behrends gab Empfehlungen zur symptomorientierten Behandlung basierend auf internationalen Leitlinien und Diagnosekriterien. Zudem hob sie hervor, dass ein wichtiger Schritt bei der Behandlung die Recherche zum ME/CFS-Trigger durch serologische Untersuchungen auf EBV ist, und dass bei der Diagnostik großer Wert auf den Ausschluss anderer Fatigue-Ursachen gelegt werden sollte. Ausführlich erklärte sie das Vorgehen bei der Differenzialdiagnose Major-Depression im Besonderen unter Berücksichtigung der PEM, sowie das Vorgehen bei Untersuchungen zum POTS und zur Gelenküberstreckbarkeit. Zuletzt stellte sie Ansätze zur Edukation von Kindern und Jugendlichen über die Erkrankung und zu symptomorientierten Interventions- und Präventionsmöglichkeiten vor und ging auf Unterstützungsmöglichkeiten in Schule und Ausbildung ein. Abschließend stellte Prof. Behrends Daten zur Münchner Kohorte junger Betroffener sowie andere aktuelle Entwicklungen zur medizinischen Versorgung und Forschung zur pädiatrischen ME/CFS in München vor.

Im Anschluss präsentierte Dr. Claudia Kedor (Charité Berlin) aktuelle Forschung der Charité zum Thema „Post-COVID-19-Fatigue Syndrom“. Ihr Vortrag beschäftigte sich mit einer Studie der Charité zu SARS-CoV-2 als Auslöser für postvirales ME/CFS. Zunächst stellte sie erste Evidenzen für Fatigue als mögliche Langzeitfolge einer COVID-19-Erkrankung vor („Long-COVID“). Dann stellte sie im Detail die Ziele und das methodische Vorgehen (Ein- und Ausschlusskriterien, Messung der ME/CFS-Symptomatik) bei der Post-COVID-Studie der Charité mit Ergebnissen der ersten 42 Patient:innen vor. Die Studie verglich Patient:innen nach COVID-Infektion, die die ME/CFS-Diagnosekriterien (CCC) erfüllten (ME/CFS) mit denjenigen, die die Kriterien nicht erfüllten (CCS, Chronic COVID Syndrome). Im Ergebnis wiesen beide Gruppen einen ausgeprägten Grad der Behinderung und eine niedrige gesundheitsbezogene Lebensqualität auf. Die ME/CFS-Patient:innen berichteten über ausgeprägtere Fatigue als diejenigen mit CCS. Das Hauptergebnis der Studie war, dass Patient:innen mit CCS eine kürzere und weniger schwere Belastungsintoleranz und eine geringere Empfindlichkeit gegenüber Stress, Temperatur, Lärm und Licht aufwiesen als ME/CFS-Patient:innen. Das POTS trat ausschließlich bei ME/CFS-Patient:innen auf. Bezüglich der Laborparameter gab es keine Gruppenunterschiede. Zusammenfassend erläuterte Dr. Kedor, dass das Chronic COVID Syndrome kein einheitliches Krankheitsbild darstellt, jedoch ein Teil der Betroffenen die Diagnosekriterien für ME/CFS erfüllt.

Eine abschließende Fragerunde mit reger Beteiligung der Teilnehmenden wurde von Dr. Miguel Hattesohl, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS, moderiert. Die Fortbildung war von der Ärztekammer Hamburg akkreditiert, die Teilnehmer:innen konnten 3 Fortbildungspunkte erwerben.

Es war die erste deutschsprachige Online-Fortbildung und gleichzeitig bisher größte ärztliche Fortbildung zum Thema ME/CFS im deutschsprachigen Raum. Wir freuen uns über das große Interesse und planen gemeinsam mit der Charité Berlin und TUM weitere Fortbildungen anzubieten. Ein besonderer Dank gilt der Weidenhammer-Zöbele-Stiftung, die die Forschung an der Charité und TUM unterstützt. Wir arbeiten daran, die Videoaufnahme – möglichst ebenfalls als Fortbildung akkreditiert – bereitzustellen. Die Folien der Präsentationen können schon jetzt im Ärzteportal auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS abgerufen werden.

Redaktion: lfr