ME/CFS – Science Update 09/2018

Neu: Unser Science- und News-Update

Mit dem ME/CFS Science-Update informieren wir über aktuelle Studien und berichten über wichtige Forschung aus den letzten Wochen.

Wir veröffentlichen jeden Monat ein Science-Update und ein separates News-Update mit Nachrichten aus der Politik und internationalen Community.

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Aktuelle Studien

Befragung von ME/CFS-Patient:innen zu Post-Exertionaler Malaise 

Ein Team aus Stanford hat ME/CFS-Patient:innen zu Post-Exertionaler Malaise (PEM) befragt, welche das Kardinalsymptom von ME/CFS darstellt. Die Studie ist im Fachmagazin Plos One erschienen. 150 Patient:innen beantworteten die folgenden Fragen: 1.) Welche Symptome werden durch körperliche oder mentale Anstrengung ausgelöst bzw. verstärkt? 2.) Welche Symptome werden durch emotionale Belastungen ausgelöst bzw. verstärkt? 3.) Wie lange nach dem Beginn von mentaler oder körperlicher Anstrengung verschlechtert sich Ihr Zustand? und 4.) Wenn Sie sich nach Aktivität schlechter fühlen, wie lange hält diese Verschlechterung in der Regel an?  

Die Mehrheit (90 %) der Befragten erlebte PEM sowohl nach körperlicher, mentaler als auch emotionaler Belastung. Das Einsetzen und die Dauer von PEM nach Belastung variierte, die häufigsten Antworten waren jedoch ein Einsetzen innerhalb von 24 Stunden nach Belastung und eine Dauer von 24 Stunden oder länger. Die Studienergebnisse könnten helfen, bessere Fragen zur Anamnese und Diagnostik von ME/CFS zu entwickeln.  

Hier geht es zur Studie.

Im letzten Science Update beschäftige sich die Studie von Brown et al. ebenfalls mit der Post-Exertionalen Malaise

 

Neuauswertung des FatiGo-Trials zweifelt die Effektivität von kognitiver Verhaltenstherapie zur Behandlung von ME/CFS an 

Mark Vink und Alexandra Vink-Niese aus den Niederlanden und Deutschland haben die sogenannte FatiGo-Studie zur Behandlung von ME/CFS mit kognitiver Verhaltenstherapie (CBT) neu ausgewertet. 

Die FatiGo-Studie war eine randomisierte, kontrollierte Studie, die auf dem biopsychosozialen Modell beruhte. Dieses Modell nimmt an, dass ME/CFS nach dem Abklingen einer initialen Virusinfektion nur noch aus fehlerhaften Überzeugungen über körperliche Belastbarkeit besteht. CBT soll diese Überzeugungen verändern und somit eine Besserung der Symptomatik herbeiführen. Die Annahmen des biopsychosozialen Modells widersprechen jedoch den durch zahlreiche Forschungsarbeiten gefundenen physiologischen Auffälligkeiten bei ME/CFS sowie der Einordnung als organische Krankheit. Nichtsdestotrotz wird CBT weiterhin als Behandlung empfohlen, nicht zuletzt durch die einflussreiche PACE-Studie (eine Kritik veröffentlichten wir hier).

In der FatiGo-Studie bekamen 122 ME/CFS-Patient:innen entweder reine CBT oder eine »multidisziplinäre Rehabilitationsbehandlung« (MRT) bestehend aus einer Kombination von CBT und weiteren Maßnahmen wie Aktivierungstherapie oder Achtsamkeitstraining. Die Ergebnisse der FatiGo-Studie zeigten, dass sowohl CBT als auch MRT zu einer Verbesserung der Symptomatik führten und dass MRT sogar noch größere Effekte zeigte als CBT allein.

Die Autor:innen der aktuellen Studie, erschienen im Fachmagazin Health Psychology Open, kritisieren, dass die methodische Vorgehensweise der FatiGo-Studie die Ergebnisse zugunsten der CBT verzerrt haben könnte. So wurden Angaben zu den Methoden und erwarteten Ergebnissen nicht vorab, sondern erst während der Studie veröffentlicht. Zudem wurden ME/CFS-Patient:innen nach den Fukuda-Kriterien ausgewählt, die das Hauptsymptom post-exertionale Malaise (PEM) nur als optionales Kriterium vorsehen. Dies könnte zum Einschluss von Personen geführt haben, die nicht an ME/CFS, sondern an einer Depression erkrankt waren. Da CBT nachgewiesen wirksam zur Behandlung von Depressionen ist, könnte dies die Ergebnisse ebenfalls verzerrt haben. Zuletzt wurde die Effektivität der Behandlung hauptsächlich durch subjektive Maße (Fatigue, Lebensqualität) erfasst. Auch war die Dropout-Rate von Patient:innen mit 15% relativ hoch, hier ist unklar, ob die Erkrankten z. B. wegen zu hoher Belastung und PEM aus der Studie ausgestiegen sind.

Die Autor:innen werteten nun die Daten der FatiGo-Studie neu aus und schlossen auch das objektive Maß (Actometer) ein, welches in der Originalstudie zwar erhoben, aber nicht ausgewertet wurde. Die Ergebnisse der Neuauswertung zeigten, dass 6 Monate nach Ende der Studie Patient:innen trotz CBT und MRT weiterhin starke Symptome von ME/CFS berichteten. Auf dem objektiven Maß des Actometers konnte keine Verbesserung festgestellt werden. Einschränkend muss jedoch hinzugefügt werden, dass die Ergebnisse der Neuauswertung nicht auf statistische Signifikanz überprüft wurden. Somit üben die Autor:innen fundierte Kritik an den Methoden des FatiGo-Trial, die die Wirksamkeit von CBT und MRT überschätzt haben könnten. Die neuerliche Auswertung der Daten kann aber wegen fehlender Signifikanztests nur eingeschränkt interpretiert werden.  

Hier geht es zur Studie.  


ME/CFS-Patienten scheinen Informationen im Gehirn langsamer zu verarbeiten als Gesunde

Zack Shan und seine Kolleg:innen von der Griffith Universität (Australien) untersuchten in ihrer neuen Studie die Gehirnaktivität von ME/CFS-Patient:innen. Dazu untersuchten die Ärzt:innen 43 CFS-Erkankte (diagnostiziert nach Fukuda) und verglichen diese mit 26 gesunden Proband:innen.

Die Hirnaktivität der Teilnehmer:innen wurde mittels fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie) untersucht. Dabei misst man in einer Magnetröhre die Durchblutung und Sauerstoffversorgung des Gehirns (sogenanntes BOLD-Signal). Die Teilnehmer:innen mussten in der Magnetröhre einen Stroop-Test absolvieren, der mental besonders anspruchsvoll ist. Hierbei müssen die Proband:innen die Farben von Wörtern benennen. Erscheint jedoch z. B. das Wort blau in der Farbe gelb, kommt es im Gehirn zu einem Verarbeitungskonflikt, welcher kognitiv herausfordernd ist. Die Wissenschaftler:innen nutzen zur Auswertung der Daten ein neues Rechenverfahren namens »temporal complexity« (zeitliche Komplexität), mit der die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung im Gehirn abgeschätzt werden kann.

Die Ärzt:innen fanden heraus, dass die ME/CFS-Kranken zwar länger für die Antworten brauchten, aber ebenso genau antworteten wie die gesunden Proband:innen. Interessanterweise nutzen die ME/CFS-Patient:innen mehr Gehirnregionen als die Gesunden, um die Tests und Fragen zu beantworten. Gleichzeitig scheint insgesamt die Informationsverarbeitung im Gehirn von ME/CFS-Kranken verlangsamt. Die Autor:innen vermuten, dass die ME/CFS-Kranken die langsamere Verarbeitung damit kompensieren, in dem sie mehr Hirnregionen nutzen. Was die langsamere Verarbeitung verursacht, ist jedoch unklar.

Hier geht es zur Studie. 


Erhöhte
long non-coding RNAs bei ME/CFS-Erkrankten gemessen 

Ein Team aus Taiwan hat in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin eine Studie über veränderte »very long non-coding RNAs« bei ME/CFS veröffentlicht. Das Team rund um Chin-An Yang untersuchte dabei die Expression (Herstellung von Proteinen aus der Geninformation) der long coding RNAs in den Zellen von ME/CFS-Erkrankten. Insgesamt wurden 44 ME/CFS-Patient:innen und 30 gesunde Proband:innen untersucht. Die ME/CFS-Kranken wurden nach den Kanadischen Konsenskriterien (2003) diagnostiziert.  

Long non-coding RNAs stehen erst seit kurzer Zeit im Fokus der biomedizinischen Forschung. Normalerweise wird die RNA in Proteine als Bausteine für die Zellen umgewandelt. Es gibt aber auch freie RNA, die nicht umgewandelt wird und verschiedene Funktionen im Körper übernimmt. Bisher konzentrierte man sich in der Forschung auf die kurzen mRNAs, die in Proteine umgewandelt werden. Aktuell rücken immer mehr die sogenannten long non-coding RNAs (> 200 Basen) in den Fokus, da diese nicht in Proteine umgewandelt werden, sondern verschiedene, weitestgehend noch unbekannte Funktionen im Körper übernehmen. U. a. Teile der Genregulation, epigentische Modifkation und die Faltung von Chromatin. Auch bei diversen Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder Autoimmungeschehen wurden erhöhte Werte von long non-coding RNAs gemessen.  

Das Team aus Tawain konzentrierte sich auf zehn very long non-coding RNAs. (>500 Basen). Interessanterweise waren drei der RNAs bei ME/CFS-Patient:innen signifikant erhöht. Zwei davon korrelierten sogar mit dem Schweregrad der Erkrankung. Patient:innen mit einem Bellscore von <30 hatten weit höhere Werte als Erkrankte mit einem Bellscore von >30. Auch wenn die Rolle der long non-coding RNAs in Krankheitsprozess noch weitestgehend unklar ist, wurden die hier gemessenen erhöhten Werte der long non-coding RNAs  in anderen Studien mit oxidativem Stress, viralen Infekten, erhöhten Immunwerten und endothelialer Dysfunktion assoziiert. Die Autor:innen merken an, dass long non-coding RNAs in Zukunft auch zur Diagnose genutzt werden könnten. 

Hier geht es zur Studie. 


Redaktion: laf, dha

 

Hinweis: 

Alle Texte sind von uns sorgfältig und nach bestem Wissen erstellt. Sie sind jedoch allgemeiner Art und können nur generell über ME/CFS und die allgemeine Forschungslage aufklären. Bitte verwenden Sie die Informationen nicht als Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen und treffen Sie keine Selbstdiagnosen.

Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte einen Arzt. Nur eine individuelle Untersuchung kann zu einer Diagnose und ggf. Therapieentscheidung führen. Nehmen Sie Medikamente nur nach Absprache mit einem Arzt oder Apotheker ein.

 

Redaktion: laf, dha